" ... wie man sich genußvoll bewegt, in körperlicher
oder geistiger Hinsicht."
Bertolt Brecht, Kleines Organon für das Theater.
Stadtbild.Intervention. Projekte für Pulheim
1998 hat die Stadt Pulheim ein neues Kunstprojekt ins Leben
gerufen, die Reihe "Stadtbild.Intervention. Projekte für
Pulheim". Einmal im Jahr fordert die Kulturabteilung einen Künstler
oder eine Künstlerin auf, eine Arbeit im öffentlichem Raum
zu entwickeln, in das Stadtbild einzugreifen.
Das heutige Pulheim ist 1975 durch die kommunale Neugliederung aus vier
vorher selbständigen Gemeinden - Brauweiler, Stommeln, Pulheim und
Sinnersdorf - entstanden und erhielt 1981 die Stadtrechte. Bis auf den
heutigen Tag konnte sich keine neue gesamtstädtische Identität
entwickeln, die Ortsteile betonen nach wie vor ihre Eigenständigkeit. Überdies
präsentiert sich Pulheim durch das rasche Wachstum in Großstadtrandlage
als architektonisches Konglomerat, in dem Alt und Neu oft unvermittelt
nebeneinander stehen und keine rechte Verbindung eingehen können.
Der öffentliche Raum präsentiert sich als Problemfall: Beispielsweise
haben die historischen Dorfplätze während der rasanten Stadtentwicklung
durch umstrittene Bau- und Umgestaltungsmaßnahmen oder durch die
Anpassung an die Verkehrsplanung ihre soziale Funktion und ihre ästhetische
Homogenität verloren. Häufig sind sie zu öden Leerflächen
degradiert; tiefgreifende Umgestaltungen sind jedoch nicht möglich,
da sich gerade an ihnen die Interessenkonflikte entzünden - zwischen
den Alteingesessenen und den zugezogenen Großstädtern, zwischen
Tradition und Moderne. Der Umbruch vom Dorf zur Mittelstadt hat begonnen,
der Entwicklung fehlt jedoch in vielen Bereichen eine eindeutige Richtung.
In dieser Situation versteht sich die Reihe der künstlerischen
Interventionen nicht nur als Alternative zur gängigen Praxis von
Skulptur im öffentlichen Raum, sondern als Konzept, das den öffentlichen
Raum über Jahre hinweg diskutiert und immer wieder neu definiert.
Als temporäre Installationen thematisieren die Kunstprojekte ungeklärte
Situationen in der Stadtentwicklung: Zwischen historisch gewachsenen
Strukturen und stadtplanerischen Neuerungen ist jeder künstlerische
Eingriff Kommentar zu einer vorgegebenen Situation und löst Irritation
aus. Selbstverständliches wird in Frage gestellt, oft Übersehenes
und Unscheinbares gerät in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Als
Gratwanderung zwischen Auskennen und Entdecken laden die Projekte zu
Raumwahrnehmung und Ortsbestimmung ein und sensibilisieren die Öffentlichkeit
für den sie umgebenden Umraum mit seinen ästhetischen und sozialen
Strukturen.
1998 schufen Maik und Dirk Löbbert mit ihrer Installation "Streulicht" eine
neue städtebauliche Perspektive. Wo bisher die städtische Bebauung
zwischen einer Sackgasse und einer Mehrzweckhalle durch eine verbliebene
Schrebergartensituation einfach abbrach, konzentrierte "Streulicht" alle
Aufmerksamkeit auf einen Fluchtpunkt. Die Lichtinstallation an der Brandmauer
der Mehrzweckhalle bildete eine optische Verlängerung der abbrechenden
Bebauung und machte aus der bloßen Parkplatzsituation des darunterliegenden
Einkaufszentrums einen veritablen Platz. Der nunmehr hell erleuchtete
Parkplatz verlieh der unfertigen Situation urbanen Charakter.
Christian Hasucha initiierte mit seinem Austausch zweier Platzfragmente
die Diskussion um die Verfügbarkeit des öffentlichen Raumes.
Im Oktober 1999 tauschte er eine 25 qm große Fläche an der
Pulheimer Realschule gegen eine gleich große Fläche vor der
fünf Kilometer entfernten Abtei im Ortsteil Brauweiler aus. Straßenbeläge,
Poller, Fahrradständer, Abfallkorb und ein Stück Jägerzaun
wechselten den Standort: Die Edel-Requisiten der Abtei fanden sich auf
einem städtischen Parkplatz wieder; die heruntergekommene Parkplatzmöblierung
des Schulgeländes präsentierte sich vor der repräsentativen
Abtei.
Sigrid Lange fungierte den ungastlichen Zweckbau eines städtischen
Parkhauses um zu einem "Licht- und Luftbad". Inmitten des umgebenden
Straßen- und Bahnverkehrs installierte sie im Jahr 2000 eine Liegewiese
mit künstlichem Rasen, Sonnenschirmen und Liegestühlen, die
die Passanten einlud zu verweilen, sonnenzubaden, aus der Hektik des
mobilen Alltags auszusteigen. Hier wurde die Bevölkerung über
Medien und Anschreiben aufgefordert, sich diesen Platz durch eigene (Gruppen-)Aktivitäten
anzueignen.
2001 diskutierte Lutz Fritsch mit seiner Arbeit "Stadtteile" die
Frage städtischer Identität anhand des Verhältnisses von
Ortsteilen und Zentrum und spürte dem Gemeinsamen im Verschiedenen
nach. In jedem der vier Stadtteile markierte er einen unspektakulären
Ort, der auf typische soziale Strukturen verweist und neben den neuen
Entwicklungen und Verkehrsplanungen fortbesteht. Die vier identischen
Edelstahlrohre postulierten gleichzeitig ein (neues) Gemeinsames - Zusammengehörigkeit.
Leni Hoffmann gab 2002 dem unscheinbaren Ortsteil Sinnersdorf eine tatsächliche
Attraktion: Ihre leuchtendfarbige Installation "bondi" – ein
Wandbild aus Plastilin mit Wippsitz auf der gegenüberliegenden Straßenseite
- präsentiert sich einerseits als Museumssituation im Freien und
diskutiert dabei den traditionellen Bildbegriff, das Verhältnis
von Plastizität und Zweidimensionalität, Original und Reproduktion.
Gleichzeitig war "bondi" ein echter Platz, eine Aufweitung
an einer Durchfahrtsstraße, die zum Treffpunkt für die Sinnersdorfer
wurde und zu bestimmten Zeiten zu einem regelrechten(Kinder-) Spielplatz.
Für sein Kunstprojekt "Im Auftrag" ließ sich Hans
Winkler 2003 für die Dauer einer Woche regulär im städtischen
Bauhof einstellen, um sich innerhalb jener Strukturen zu bewegen, die
das Stadtbild prägen. Damit lenkte er die Aufmerksamkeit auf das
Phänomen Stadtbild als solches, das weit mehr durch alltägliche
Eingriffe der Verwaltung - Poller, Abweiser, Straßenmarkierungen
- geprägt ist als durch jeden künstlerischen Eingriff. Mit
der Weigerung, ein eigentlich künstlerisches (Auftrags-)Werk auszuführen,
gab Winkler die Verantwortung für den städtischen Raum an die öffentliche
Hand und die Bürger/innen zurück.
Angelika Schallenberg
Kulturabteilung der Stadt Pulheim
Links:
Stadtbild.Intervention
Hans Winkler
Stadtbild.Intervention Leni Hoffmann
Stadtbild.Intervention
Lutz Fritsch
Stadtbild.Intervention
Sigrid Lange
Stadtbild.Intervention
Christian Hasucha
Stadtbild.Intervention
Maik und Dirk Löbbert
|